Schlusswort zu Indien – die nackte Wahrheit!

Insgesamt haben wir 1,5 Monate in Indien verbracht. Von Anfang März bis Mitte April. Wir haben in einer Millionenmetropole angefangen, uns zu Touristenhochburgen weitergearbeitet und auch hin und wieder ein paar unberührte, nicht touristiche Ecken gefunden… Es gab Orte die uns super gefallen haben, genauso wie wir auch hin und wieder supernette Menschen treffen durften.

Aber um ehrlich zu sein hat uns Indien enttäuscht.

Für jeden schönen Ort, den man erreicht, muss man zuerst an vielen unfreundlichen, geldgierigen Personen vorbeikommen, über riesige Müllberge hinwegsehen, in schäbigen Schimmel-Zimmern übernachten, in komplett überfüllten Verkehrsmitteln reisen (und diese dann auch noch mit Ungeziefer teilen) oder wiedermal etwas Fragwürdiges von einem verdreckten Teller essen und mit etwas Pech die darauffolgende Nacht mehr auf dem Klo als im Bett verbringen…

Auch für das Abfallproblem sollte unbedingt eine Lösung gefunden werden… Wie oft mussten wir uns beherrschen, wenn direkt vor uns wieder ein Kleinkind auf Rat seiner Mutter hin die leere Wasserflasche einfach aus dem Busfenster warf? Oder wenn im Zugabteil nach dem Essen alle ihren leeren Plastikteller dem Passagier am Fenster herüberreichten, damit der dann ein Teller nach dem andern aus dem Fenster werfen konnte?
Mit diesem „Problem“ haben wir manchmal Einheimische im Gespräch konfrontiert…zur Antwort bekamen wir immer Aussagen wie „für das Abfallproblem sind vorwiegend Touristen verantwortlich, sie sind die Einzigen die kein Leitungswasser trinken können und deshalb leere PET-Flaschen aus dem Fenster werfen“ oder „wenn die Regierung Mülltonnen aufstellen würde, würden wir Bürger sie auch benutzen“…wir konnten diese Aussagen aber meistens innerhalb der nächsten Stunde schon widerlegen 🙂
Fakt ist, ob es nun Gewohnheit, falsche Erziehung, ein Mangel an Bildung oder ein fehlendes Abfallkonzept der Regierung ist, man sollte dringend etwas unternehmen…
Schliesslich ist die Schweiz vermutlich ja auch nicht Lieblings-Drehort von Bollywood-Fimen, weil die Inder in Wahrheit den Müll überall bei Ihnen viel schöner finden, oder? Eben.

 

Abfall am Strassenrand

Abfall am Strassenrand

Indien, Kuh im Müll

Kuh im Müll

Indien. Müllhalde mitten in der Stadt

Müllhalde mitten in der Stadt

Indien: ...aber Schilder mahnen immer wieder: Keep things clean! :-)

…aber Schilder mahnen immer wieder: Keep things clean! 🙂

Und dann sind da noch die Menschen…die Menschen sind meiner Meinung nach vielerorts einfach nur abstossend. Wie oft wurde mir das rote Kautabak-Zeugs, das wirklich jeder konsumiert, vor die Füsse gespuckt und danach gefagt „you want a Tuc Tuc?“, oder wie oft musste ich mich beim essen darauf konzentrieren, nicht auf die Geräuschkulisse aus schnäuzen, geräuschvoll-Schleim-in-der-Kehle-sammeln und ausspucken zu achten um doch noch mein Essen runterzubekommen?
Ich wurde durch einen-sich-aus-dem-Bus-übergebenden Passagier angekotzt, bin an von-menschlichen-Scheisshaufen-gesäumten Gehsteigen entlanggelaufen und öfters gezielt von Bettlern mit fehlenden Gliedmassen dermassen erschreckt worden, dass ich aus einer Mischung aus Schock und Verlegenheit Kleingeld herausgesucht habe.

Und dann gibts da auch noch die Männer im Speziellen. Sie schauen einen permanent an. Und verlegen wegschauen wenn man den Blick erwidert? Nicht in Indien. Es wird gstarrt und geglotzt (und dies nicht nur in die Augen), bis man sich trotz Hitze noch etwas mehr in seinen Schal einhüllt – welcher einen schlussendlich doch nicht vor den Blicken schützt. Man fühlt sich ausgestellt und ganz oft seiner persönlichen Privatsphäre beraubt.

Was ich neben der Privatsphäre auch öfters vermisst habe, ist Ruhe. Ich glaube während der ganzen 1,5 Monate fanden wir insgesamt drei Orte in ganz Indien, an denen es wirklich ruhig war: Hampi (besonders auf dem Hanuman Hill), in den Backwaters in Alleppey und entlang des heiligen „Ganges“ in Varanasi… Ansonsten variiert die Geräuschkulisse von Ort zu Ort und abhängig der Tageszeit zwischen muslimischen Gebetsrufen (oftmals schon morgens um 5 Uhr in voller Lautstärke), dem oben bereits schon erwähnten schnäuzen und spucken, ständig hupendem Verkehr, ständigen Bitten nach Geld oder ständigen Angeboten von Rikscha-Fahrern, Taxis, Verkäufern und Shops.

Indien: vollgestopfte Busse

vollgestopfte Busse

Indien: Leute wo man hingeht

Leute wo man hingeht

Getümmel

Getümmel

 

Und dann gibt es noch ein paar witzige Widersprüche in Indien:

– Frauen müssen stets (vor allem an heiligen Orten) Schultern und Knie bedeckt halten, der „Sari“, das traditionelle indische Kleidungsstück für die Frau, ist aber bauchfrei 🙂

– Alkohol ist vielerorts verpönt oder sogar verboten, findet man aber eine Art „Hinterhof-Bar“ oder ein sogenanntes „Beer-Parlour“ kann man sich aber sicher sein, dass es rappelvoll ist 🙂

– Oftmals waren die Menschen, die uns gerade erzählt haben dass sie aus religiösen Gründen auf Alkohol und Fleisch verzichten, die Gleichen die sich kurz danach einen Joint angezündet haben 🙂

– Kurze Zeit nach einem Gespräch zum Thema Müll und Sauberkeit, währenddessen sich ein Inder über die Zustände in seinem Land beklagt und von der Reinheit der Schweiz geschwärmt hat, warf ebendieser Inder wieder achtlos eine leere Verpackung zu Boden…

Solche „Fun Facts“ gibt es noch einige in Indien, meist geht es einfach darum sich vordergründig als korrekterer Mensch darzustellen als man in Wirklichkeit halt ist…was widerum auch einfach menschlich ist.

Schlussendlich fanden wir einfach oftmals die Anreise zu einem Ort so anstrengend und nervenaufreibend, dass einen der erreichte Ort oder die vorgefundene „überbewertete“ Sehenswürdigkeit niemals für die Strapazen entschädigen konnte.
Aber die Geschmäcker sind verschieden – wir haben unterwegs auch viele Reisende getroffen die Indien über alles lieben. Wir haben für uns überlegt, ob diese Reisenden Indien manchmal für etwas ganz anderes lieben? Zb. weil es einfach unglaublich günstig ist und sich sogar eine 18-jährige britische Studentin einen ziemlich tollen Urlaub da leisten kann (wie es sonst nirgendwo auf der Welt möglich wäre)? Oder weil in Indien vielerorts (vor allem in Goa und Hampi) eine sehr liberale Drogenpolitik herrscht, sodass Indien leichtfertig als „Kifferparadies“ bezeichnet werden könnte? Und bei vielen reisenden Frauen haben wir uns gefragt, ob sie manchmal vorwiegend sich selbst und dem Rest der Welt etwas beweisen wollen, da Indien (zurecht) als schwieriges Land besonders für Frauen gilt? Wir wissen es nicht.

Was wir wissen ist jedoch, dass wir mit hoher Warscheinlichkeit nicht mehr nach Indien zurückgehen werden. Aber die vielen absolut wahnsinnigen, haarsträubenden, unglaublichen und auch ekelhaften Erfahrungen die wir während der Zeit in Indien gemacht haben, werden uns sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben… Und genau deshalb war Indien die Reise trotzdem wert und wir möchten die Erfahrung nicht missen.

Indien "Lösch-Station" an der Tankstelle

„Lösch-Station“ an der Tankstelle

Indien: Das Abwasch-Kommando

Das Abwasch-Kommando

Indien: drauf geschissen ;-)

drauf geschissen 😉

Für unsere weitere Reise haben wir aber einen erheblichen Vorteil festgestellt: Nach Indien wird uns nichts mehr so schnell schockieren. Ein komplett überfüllter Bus? Kein Problem. Eine Grossstadt mit riesigem Verkehrsaufkommen? Nach Indien ein Klacks. Sich in einem andern Land fragen, ob sein Magen wohl mit dem Hygienestandard der Küche klarkommt? No way, nach Indien schaffen wir alles. Sterbende Strassenhunde, bettelnde Kinder, Verstümmelte am Strassenrand? Traurig, aber alles schon mal gesehen…

Also kann unsere Zukunft auf Reisen in vielerlei Hinsicht nur noch besser werden 🙂

yaaaay

yaaaay

Wir freuen uns jetzt auf ein neues Kapitel! Bis bald!

 

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